Akustik Schweiz Elsässer Hörberatung

Lärm und Hörgeräte: Auditive Verarbeitung und Wahrnehmung

    

Unangenehm laut und lärmig – das neue Hörgerät

Eine alltägliche Situation: Laute Hintergrundmusik im Restaurant zerrt an den Nerven, Besteck klappert, Gläser klirren hinter der Theke. Aus vielen Geräuschen entsteht ein Klangbrei, der die Konzentration auf den Gesprächspartner stark behindert. «Dabei sollte doch mit dem neuen Hörgerät alles besser werden! Aber es wird ja vor allem das verstärkt, was man gar nicht hören will.» So empfinden viele Schwerhörige, die nach jahrelanger Schwerhörigkeit mit einem Hörgerät versorgt werden. Plötzlich werden Geräusche wieder hörbar, die durch die Schwerhörigkeit über Jahre hinweg nicht mehr wahrgenommen wurden, und was normal Hörende offenbar gar nicht stört, drängt sich dem Schwerhörigen unangenehm laut ins Bewusstsein. Der Grund dafür ist, dass das Gehirn in den Jahren der Schwerhörigkeit die Fähigkeit verlernt hat, die unwichtigen Geräusche abzudämmen.

Selektives Hören entlastet das Bewusstsein

Einen grossen Teil unserer akustischen Umwelt nehmen wir nicht bewusst wahr, obwohl viele Geräusche permanent oder in regelmässigen Abständen erklingen. Da ist z. B. das Ticken der Wohnzimmeruhr, die Eisenbahn in der Nähe oder reger Strassenverkehr unweit des Hauses. Wer ein gesundes Gehör hat und sich kurzzeitig darauf konzentriert, hört die Geräusche, aber schon kurz darauf werden diese nicht mehr bewusst wahrgenommen.
Dieses Phänomen ist den leistungsfähigen Filtermechanismen unseres Gehirns zu verdanken. Dieses wertet eintreffende Informationen permanent aus, leitet aber nur kleine Teile davon an unser Bewusstsein weiter. Wenn nun das zentrale Nervensystem gelernt hat, dass das ständige Ticken der Uhr keine Gefahr oder wichtige Information darstellt, muss es nicht mehr ständig beachtet werden. Dieser Filtermechanismus des Gehirns ist nötig, weil sonst das menschliche Bewusstsein bei der Vielzahl an Sinneseindrücken hoffnungslos überfordert wäre.

Ungewohnte Umgebung schärft das Gehör

Wie sehr diese Filtermechanismen dem gewohnten Lebensraum angepasst sind, zeigt sich, wenn ein Stadtbewohner seinen Urlaub auf dem Land verbringt. Fast zwangsläufig erwacht er in der ersten Nacht durch ungewohnte Geräusche. Sein Gehirn signalisiert, dass diese nicht richtig eingeordnet werden können und nicht weiss, ob sie eine eventuelle Gefahr anzeigen. Umgekehrt fühlen sich Bewohner einer ländlichen Gegend in einer Grossstadt zunächst unwohl. Es fällt ihnen schwer, aus dem Lärmteppich die relevanten Informationen herauszufiltern.

„Muskelschwund“ auch beim Gehör

Funktionen, die der Körper lange Zeit nicht benutzt, werden abgeschaltet oder auf ein Minimum reduziert. Muss zum Beispiel ein Bein nach einer Fraktur ruhig gestellt werden, bilden sich schon nach kurzer Zeit die nicht genutzten Beinmuskeln zurück. Nach der Heilung muss die Muskulatur durch langwieriges und konsequentes Training wieder aufgebaut werden. Und das, obwohl das Bein nur wenige Wochen ruhig gestellt war.
Bei Schwerhörigkeit werden die auditiven Filtermechanismen oft über viele Jahre hinweg nicht mehr im ursprünglichen Sinn gefordert. Während dieser Zeit nimmt ein Schwerhöriger ohne Hörgeräteversorgung viele akustische Informationen nicht mehr wahr, weil das geschädigte Innenohr sie nicht mehr weiterleitet. Die Fähigkeit des Gehirns, Wichtiges herauszufiltern und Unwichtiges zu dämmen, bildet sich dadurch ebenso zurück wie der Muskel beim Beinbruch. Ohne Hörgeräteversorgung ist das Gehör vor allem damit beschäftigt, aus den Hörresten noch eine sinnvolle Information zu erlangen.
Nach einer erfolgreichen Hörgeräteversorgung wird das Gehirn aber wieder mit einer eine Vielzahl an akustischen Informationen versorgt. Es muss jetzt wieder neu lernen, Wichtiges und Unwichtiges zu unterscheiden. Dieser Lernprozess wird nicht von heute auf morgen abgeschlossen. Denn wenn beispielsweise die Rehabilitation nach einem Beinbruch Monate in Anspruch nimmt, so muss diese Zeit auch – oder erst recht – dem Gehör zugestanden werden, das über Jahre eingeschränkt gewesen ist.

Hörgeräte filtern anders als das Gehirn

Moderne Hörgeräte unterstützen das Gehirn, indem sie Teile des Störschalls abdämpfen. Sie verstärken vor allem jene Signale, die für den Betroffenen von Interesse sind. Um die Kommunikation zur erleichtern, wird der Umgebungslärm abgeschwächt und der Sprachschall selektiv verstärkt. Doch auch die technisch ausgereiftesten Hörgeräte können die Filtermechanismen im Gehirn nicht völlig ersetzen. Denn einzig das zentrale Nervensystem kann individuell entscheiden, welche Informationen relevant sind oder eine potentielle Gefahr darstellen, wie zum Beispiel ein schnell herannahendes Motorrad. Je länger die Phase des eingeschränkten Hörens dauert, desto stärker ist die Reduktion der auditiven Filtermechanismen. 
Diese auditiven Filtermechanismen können aber – wie der Muskel beim Bein – wieder trainiert werden. Unerlässlich für ein solches Training ist, dass die Hörgeräte möglichst den ganzen Tag über getragen werden, dadurch erhält das Gehirn die notwendige Übung. Und diese Übungsphase kostet Zeit – nicht nur Tage, sondern Monate. Bei diesem Training übernimmt der Akustiker die Rolle des Coaches: Ähnlich, wie man sich beim Fitnesstraining von kleinen zu grossen Gewichten steigert, wird mit Hilfe des Akustikers die Hörfähigkeit verbessert und die Verstärkung der Geräte nach und nach optimiert.